42. Internationale Soldatenwallfahrt
17. bis 23. Mai 2000 nach Lourdes

Predigt von Militärbischof Dr. Dr. Johannes Dyba
am Samstag, 20. Mai 2000, an der Grotte

Liebe Mitbrüder, liebe Pilgerinnen und Pilger,

es ist heute das 10. Mal, daß ich bei der Internationalen Soldatenwallfahrt dabei bin und hier an der Grotte predigen darf. In 10 Jahren, wie viele Wunder habe ich da erlebt, unzählige! Zwar keine spektakulären Heilungswunder, die nur alle 20 oder 30 Jahre vorkommen. Aber wie viele Kranke habe ich hier erlebt, die nierdergeschmettert von der Wucht und Unbegreiflichkeit ihres Leidens hierher gekommen sind und hier wieder den Sinn ihres Lebens und neue Hoffnung gefunden haben und als andere, verwandelte Menschen heimgekehrt sind. Wie viele, die verzweifelt waren, die mit Gott haderten, haben zu einem neuen "Ja" zu Gott gefunden, zu einem "Ja", zum Sinn ihres Lebens, im Kreuzweg, sei es vorübergehend, sei es für ein Leben des Leidens. Denn hier findet das Leid des Menschen, der Sinn des Leides, des Opferns, der Hingabe, seinen richtigen Ort, der ihm in unserer unbarmherzigen Gesellschaft oft verwehrt wird. Denken wir an den Kranken am Teich von Bethesda, von dem wir im Neuen Testament hören: 38 Jahre liegt er da und wartet. Und als der Herr kommt und ihm helfen will, da sagt er: "Ich habe keinen Menschen, der mich trägt". 38 Jahre hatte er keinen Menschen, der ihn trug, bis der Herr kam und ihm Heilung zuteil wurde. Hier in Lourdes gibt es keine Kranken, die nicht Menschen haben, die sich um sie kümmern. In unserer Kirche darf es keine Menschen geben, die niemanden haben, die sie tragen. In unseren Gemeinden, in unseren Familien darf es nicht Menschen geben, die sagen: "Ich habe niemanden der mich trägt". Hier tragen wir einander und daher haben hier auch die Kranken und die Leidenden leuchtende Augen. Begegnen Sie ihnen einmal! Die eigentliche Botschaft kommt von den Kranken her, hier an diesem Ort, der so ein Vorort des Himmels auf Erden geworden ist.

Die Kranken und die Soldaten! Seit 1958 sind wir hier eingeladen zur Internationalen Soldatenwallfahrt. Und wenn wir an all das, was da an Versöhnung geschehen ist in diesen Jahren, wenn wir an die Verbrüderung denken, so ist dies eine wunderbare Entwicklung. Hier sehen wir die Soldaten nicht als bedrohliche Krieger, die aufeinander einschlagen, sondern als Garanten des Friedens, nicht als Konkurrenten, sondern als Kameraden im besten Sinne des Wortes. Kameraden werden wir einander und nicht Angehörige fremder Heere, sondern Brüder, und wie wir sehen, zunehmend auch Schwestern. Ja, da haben wir eine gewaltige Vorreiterrolle übernommen. Da ist in Lourdes etwas geschehen, da wird Hoffnung und Zukunft sichtbar. Da werden auch die bewaffneten Vertreter verschiedener Nationen nicht dazu angeleitet aufeinander loszuschlagen, sondern gemeinsam Frieden und Gerechtigkeit zu garantieren in unserer Welt.

Wir reden heute soviel von Globalisierung. Wir globalisieren als erstes die Bamherzigkeit als Christen. Wir globalisieren den Frieden. Wir globalisieren die Gerechtigkeit und die Liebe. Da haben wir ein weites Feld. Mit Freude sehen wir, daß in jedem Jahr neue Nationen hier auftauchen und dazustoßen und hier die Soldaten aus den Heeren von über 20 Ländern zusammenkommen, miteinander beten, miteinander feiern, miteinander fröhlich sind. Mehr, als bei jedem politischen Treffen wird hier sichtbar, was unsere Zukunft sein soll. Die Zukunft unter den Völkern.

Und schließlich die Pilger und Pilgerinnen. Wir alle können hier eine wunderbare Verwandlung erleben. Natürlich, man kann hier auch in den Andenkenläden hängen bleiben, körperlich und auch seelisch. Man kann aber auch ganz andere Dinge erleben. Von den gemeinsamen Gottesdiensten angefangen, gemeinsame Lieder, gemeinsame frohe Geselligkeit am Abend. Es gibt, so viele Möglichkeiten hier einander als Menschen in Freude zu begegnen, und es gibt auch die Möglichkeit, wirklich das Mysterium dieses Ortes einmal in der Stille zu finden. Das ist das Eigentliche: Wenn die vielen lauten Hallelujas, die wir hier freudig hören unser Innerstes zum Schwingen bringen, zum leisen Halleluja des Herzens werden, das uns durchdringt, dieses Halleluja, das unsere Seele erfüllt und erkannt hat: Gott ist ja da! Er ist wirklich da! Er hat mich ins Dasein gerufen. Er hat mich gewollt, so wie ich bin. Er liebt mich. Das zu begreifen, das kann für jeden ein Wandlungswunder von Lourdes werden. Denn, liebe Schwestern und Brüder, wir sind ja zu einer Lebensfülle berufen, die weit über die Dimensionen unserer alltäglichen irdischen Existenz hinaus geht. Wir sind zur Teilnahme am Leben Gottes selbst berufen. Der Herr hat uns gesagt: "Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, auf daß sie das Leben haben und es in Fülle haben". So sagt er den Seinen: "Auf das meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde". Da ist es wieder, das Halleluja der Seele. Vollkommene Freude, die aber nicht erst in weiter Ferne der Ewigkeit ist, sondern die jetzt beginnen soll, da meine Seele die Gegenwart Gottes erlebt. Da beginnt die ganze Weite der Freude der Kinder Gottes. Der Herr sagt: "Seht, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl bei ihm halten. Ich mit ihm und er mit mir". Vor meiner Tür steht er. Wollen wir ihm doch in dieser Stunde die Tür unseres Herzens ganz weit öffnen. Wollen wir in dieser Stunde Mahl mit ihm halten, auf daß sein himmlisches Halleluja unsere Seele zum schwingen bringt und uns emporhebt in den Frieden, in die Liebe, die Freude, die nie mehr aufhört.

 

Amen.